Der Filmwissenschaftler Johannes Binotto hat einen ganz wunderbaren Essay zur Filmbildung geschrieben, in dem er sich unter anderem auf mein Konzept einer Ästhetischen Filmbildung (2012)  und der darin entwickelnden spurenlesenden Haltung gegenüber Film bezieht:

»Filmbildung müsste betonen, nicht wie ähnlich, sondern wie eigenartig Kino im Vergleich mit anderen Medien erzählt. (…) Lernen, bei Filmen genau hinzusehen, würde einem vielmehr zeigen, was sich alles in den Bildern an Rätselhaftem versteckt und möglicherweise im Widerspruch steht zu dem, was angeblich erzählt werden soll. In ähnlicher Weise plädiert auch der Medien- und Erziehungswissenschaftler Manuel Zahn in seinem Buch «Ästhetische Filmbildung» für einen Umgang mit Filmen, der mehr einem neugierigen Spuren lesen als dem falschen Ideal eines restlosen Ausdeutens verpflichtet ist. Gewiss, Filme wollen verstanden und die von ihnen ausgelegten Fährten sollen nachgezeichnet werden – doch nicht um sie damit gleichsam zu erledigen und abzuhaken, sondern um die Filme aufzuschliessen und um aufzuzeigen, was alles an ungeklärten Fragen nach wie vor zur Diskussion anstachelt. In seinen abweichenden Bewegungen eignet dem Film immer etwas an, das sich dem restlosen Verständnis entzieht, das uns aber umso mehr affiziert, uns packt und uns weiter dazu antreibt, unsere Wahrnehmung noch mehr zu schärfen, unsere Spurenlese noch weiter zu verlängern.«

Voraussetzungen dafür sind eine aufmerksame, konzentrierte (und nicht selten auch wiederholte) Betrachtung des Films, die seinen abweichenden, audiovisuellen Bewegungsbildern folgt und die Betrachter Film so vielmehr als Ereignis erfahren, als etwas dass kontrolliert und beherrscht werden kann. Das Kino, lange Zeit der bevorzugte Aufführungs- und Rezeptionsort des Films, ist so konzipiert, eine Filmerfahrung im oben genannten Sinne zu ermöglichen und zu fördern, so Binotto in Bezug auf Gass (2017):

»Das Kino, schreibt Gass, war nicht zuletzt darum bedeutsam, weil es schon ob seiner Einrichtung zu einer fremden Wahrnehmung zwingt: Im Kino kann man als Zuschauer den Film nicht anhalten, und die Dunkelheit des Saals lässt uns kaum eine andere Wahl, als das anzuschauen, was auf die Leinwand projiziert wird. Wir sind einer Erfahrung ausgesetzt, die wir nur in geringem Mass bestimmen können, der wir uns vielmehr überlassen, in sie eintauchen, um uns, für die begrenzte Dauer eines Films, in ihr zu verlieren.«

Die Wahrnehmungen von Filmen, der Filmkonsum auf einem Tablet oder Laptop, so Binotto weiter, habe demgegenüber »etwas merkwürdig Gezähmtes. Wo im Kino der Film mein ganzes Gesichtsfeld einnimmt, findet er auf dem Computerscreen bloss als ein Fenster unter anderen statt. Auch wenn ich in den Vollbildmodus wechsle, hab ich damit die Umgebung um mich herum trotzdem noch nicht ausgeschaltet. Während das Kino mich zur Fokussierung gezwungen hat, schenke ich dem Film auf meinem Display meine Aufmerksamkeit immer nur zum Teil. Die Unsitte, während man einen Film schaut, nebenher noch etwas anderes zu machen, wird von unseren Geräten nicht nur begünstigt, sondern ist eigentlich deren Standardeinstellung, etwa wenn beim Eingehen einer Mail sich eine Info-Anzeige vor das Filmfenster schiebt. Und statt dass wir den Bewegungen des Films folgen müssen, passen wir den Film unserem Willen an: Bereits ein Knopfdruck genügt, und der Film stoppt. Wo er mir zu lang zu gehen scheint, spule ich vor. Das ist praktisch und fatal zugleich. Die erleichterte Handhabung ist gerade das, was die Möglichkeiten des Films als Wahrnehmungsexperiment zu unterhöhlen droht.«

Lars Henrik Gass beschreibt das als eine Art der »Gamification« des Filmbildes: »Der Film wird zum Game. Game ist die Konsequenz des bewegten Bildes nach Kino und Fernsehen: ein narzisstisches, weil manipulierbares Bild (das gleichwohl manipulativ sein kann).«

Zuletzt fragt der Essay danach wie zukünftige Filmbildung aussehen sollte, was sie leisten müsste:

»Filmbildung hiesse demnach nicht zuletzt, den Filmen wieder zu erlauben, dass sie sich ihre Zeit nehmen. Diesbezüglich war das Dispositiv des Kinos eine Konzentrationshilfe. Wenn diese fehlt, wird man sich Alternativen überlegen müssen, wie man es schafft, die Geräte um einen herum auszuschalten und sich selbst ganz auf den Film einzustellen. Für die Pädagogen hiesse es, sich mit ihrer Klasse nicht nur an einen Film heranzutrauen, sondern auch bei diesem zu bleiben und sich die Zeit zu nehmen, ihn mehrmals anzuschauen – nicht um etwas einzupauken, sondern um Vielfältigkeit zu zeigen.«

Der Essay wurde in der Septemberausgabe der Schweizer Filmzeitschrift Filmbulletin publiziert, die ich jedem Filminteressierten empfehlen kann. Den Essay als PDF-Download finden sie hier (mit bestem Dank an Johannes Binotto!).

PS: Wer sich über die aktuelle Situation des Kinos in Deutschland informieren will, dem sei auch der wunderbare Dokumentarfilm 66 Kinos von Philipp Hartmann (D 2016) empfohlen. Der Filmemacher hatte seinen vorherigen Essayfilm Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe zwischen Herbst 2014 und Sommer 2015 in insgesamt 66 deutschen Programm- und Kommunalen Kinos vorgestellt. Dabei hat er sich mit Kinomachern unterhalten und daraus entstanden ist ein vielstimmiger Film, der klug über das Kino und Digitalisierung, das zukünftige sowie über das scheinbar vergangene Kino, an dem es noch ein Ort der Filmsozialisation war, nachdenkt.

Literatur
Johannes Binotto: Wahrnehmung auf Abwegen. Wie der Film bildet, in: Filmbulletin, Nr. 6 (September 2017), S. 6-17.
Lars Henrik Gass: Film und Kunst nach dem Kino. Köln, StrzeleckiBooks 2017.
Manuel Zahn: Ästhetische Film-Bildung. Studien zur Medialität und Materialität filmischer Bildungsprozesse (Theorie bilden). Bielefeld: Transcript 2012.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, hier auf zwei spannende Filmveranstaltungen in Hamburg hinzuweisen: die eine ist noch kurz vor dem IKKF (das am 9. Juni startet) und die andere mittendrin.

Girls on Screen | HfbK | 08.06.15

Girls on Screen
Montag 8. Juni um 19h
Galerie der Hfbk

Screening mit Arbeiten von Hedvig Berglind (London), Ian Gilles (London) und Nicolaas Schmidt (HFBK, VETO), im Anschluss ein offenes Gespräch am runden Tisch mit den KünstlerInnen und eingeladenen GesprächspartnerInnen – u.A. Wiebke Schwarzhans (HFBK), Luise Donschen (HFBK), Marlene Denningmann (VETO, CALL), Anna Tautfest (Graduiertenkolleg HFBK)

Hedvig Berglind: Untitled, Double channel, HD, stereo, 8’12, 2015
Nicolaas Schmidt: Break, Double channel, HD, stereo, 13’33, 2013
Ian Gilles: On The Way To Language, Single channel, HD, stereo, 9’38, 2014

Organisiert von Hedvig Berglind, Angela Anzi und Katja Lell

//////////

Veto

VETO beim IKFF
Samstag, 13. Juni 2015, 19:00 Uhr
Metropoliskino, Kleine Theaterstraße

Gegründet im Frühjahr 2014 hat sich VETO Film e.V. zum Ziel gesetzt, aktuelle Positionen zeitgenössischer Film- und Videokunst aus Hamburg zu fördern. Von poetischen Filmen bis hin zu experimentellen Formen, vertritt VETO vor allem solche Arbeiten, die entgegen aller Konventionen formale Eigenständigkeit beweisen und sich gängigen Kategorisierungen entziehen.
Im Rahmen des 31. Internationalen Kurzfilmfestival Hamburg präsentiert VETO sieben Kurzfilme aus der aktuellen Film Edition:

Isabelle McEwen – Un truc formidable 12′
Josefina Gill – Preview 30′
Steffen Goldkamp – Wallenhorst 23′
Nick Koppenhagen – The Bowerbird 4′
Stella Rossié und Nicola Gördes – Komet 13′
Nicolaas Schmidt – Autumn 10′
Karsten Wiesel – Hochbrücke Brunsbüttel 12′
Gesamtlänge: 104 min.

Seit gestern ist meine Monographie „Ästhetische Film-Bildung. Studien zur Materialität und Medialität filmischer Bildungsprozesse“ auf dem Buchmarkt. Sie ist in der Reihe „Theorie bilden“ beim Transcript Verlag erschienen. Das Buch ist ein erste Antwort auf die Frage: wie ist Bildung mit Film möglich? Es bezieht sich dabei nicht auf den Film im Allgemeinen, sondern auf den Kinofilm – und damit auf eine ganz spezifische Materialität, Performativität und Medialität der Produktion, der Aufführung und der Rezeption.

Auf der Verlagsseite heißt es dazu:

„Film und Bildung – Manuel Zahn spürt in seinen Studien diesem immer noch ungeklärten Verhältnis nach. In Bezug auf aktuelle medientheoretische, ästhetische und bildungstheoretische Diskurse entwickelt er einen differenztheoretischen Begriff der Medialität des Films und stellt mit der Spurenlese eine »Methode« vor, die eine differenzsensible Empirie des Films ermöglicht. Anhand von Filmbeispielen wird die Spurenlese erprobt und dabei ein Begriff der Film-Bildung skizziert, der die Spurenlese von Filmen als bildende Erfahrung begreift, insofern sie es erlaubt, die Auseinandersetzung des Subjekts mit Filmen auf der Folie der Unmöglichkeit ihrer identifizierenden Aneignung zu denken.“

Dort gibt’s auch das Vorwort des Buchs als kleine Leseprobe.

Die Druckvorlage ist beim Verlag, nun kann es nicht mehr lang dauern, bis es wirklich da ist. Der Erscheinungstermin ist nach letztem Planungstand der 9. September 2011:

Zahn, Manuel; Pazzini, Karl-Josef (Hg.): Lehr-Performances. Filmische Inszenierungen des Lehrens (Medienbildung und Gesellschaft), Wiesbaden: VS-Verlag 2011

»Lassen sich in der Analyse von Lehrer-Filmen Teile bestimmter bildungspolitischer, gesellschaftlicher oder kultureller Diskurse freilegen? Ist der Film ein archäologisches Instrument, das durch audiovisuelle Bilder Imaginationsschichten des Lehrens abträgt? Die AutorInnen dieses Bandes betrachten und analysieren aus unterschiedlichen – nicht nur erziehungswissenschaftlichen – Perspektiven die Lehr- und Lehrerdarstellungen in internationalen Spielfilmen, in Fernsehfilmen und TV-Serien. Dabei erschließen sie eine Form der Empirie, die der Film in seiner fiktionalen Verdichtung gegenwärtiger Realität des Lehrens bietet. Durch den konsequenten und theoretisch vielfältigen Bezug auf das filmische Material entsteht ein methodisch interessanter und breiter Einstieg in die andauernde Diskussion um den Lehrerberuf, in historische Betrachtungen und systematische Fragen des Lehrens, des Lernens und ihrer Institutionen.« (Klappentext)

Mit Beiträgen von Sönke Ahrens, Adrienne Crommelin, Hanna Kiper, Gundel Mattenklott, Winfried Pauleit, Karl-Josef Pazzini, Andrea Sabisch, Olaf Sanders, Maarten Simons und Jan Masschelein, Eva Sturm, Jürgen Vogt, Michael Wimmer und Manuel Zahn.

Zur Vorschau gibt es hier noch das Inhaltsverzeichnis des Buchs.

Read the rest of this entry »

Benjamin Jörissen hat dankenswerterweise einen sehr schönen und ausführlichen Bericht vom letzten Magedeburger Theorieforum geschrieben, an dem ich auch mit einem Vortrag zu »Memento – Zur Zeitlichkeit des Films und seiner Erfahrung« teilgenommen habe:

„Am 2./3. Juli 2010 fand an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg das 3. Magdeburger Theorieforum als gemeinsame Veranstaltung des Lehrstuhls Allgemeine Pädagogik, des Lehrstuhls für Erziehungswissenschaftliche Medienforschung und Medienbildung unter Berücksichtigung der Erwachsenen- und Weiterbildung und der DGfE-Sektion Medienpädagogik, organisiert von Benjamin Jörissen, Winfried Marotzki und Johannes Fromme, statt. Insgesamt war es damit die vierte Veranstaltung dieser – im Jahr 2005 von der „Theorie-AG“ der damaligen Kommission Medienpädagogik initiierten – Form. Ziel des Theorieforums, das sich als regelmäßiges Ergänzungsangebot zu den beiden jährlich angebotenen Tagungen der Sektion Medienpädagogik versteht, ist es, zentrale Theoriediskurse aufzugreifen, zu bündeln und ohne den Druck der Transformation in handlungsrelevante Konzepte – sowie in großzügig bemessenem Zeitrahmen – zu diskutieren. Das diesjährige Thema „Zeit, Medialität und Bildung“ bot einen Einblick in die Komplexität des virulenten und auch theoretisch sehr anspruchsvollen Problems medialer dynamisierter, transformierter und diversifizierter Zeitverhältnisse. Die vier Vorträge gaben dabei einen Einblick in unterschiedliche medialisierte Zeitphänomene – wie Beschleunigung, Zirkularität, Gegenwärtigkeit und Rhythmisierung:

1) Horst Niesyto (PH Ludwigsburg) warf unter Rekurs auf Hartmut Rosas Analysen zur potenzierten Dynamisierung von Zeitverhältnissen einen kritischen Blick auf „Bildungsprozesse unter Bedingungen medialer Beschleunigung“. Bildungsprozesse benötigen als Erfahrungs- und Lernprozesse Zeit. Diese Zeit entzieht sich insbesondere in (medien-) ästhetischen Reflexionsformen dem chronologischen Zeitbegriff; sie ist Zeit für streunende Suchbewegungen, gleichsam also tentative Bildungszeit. An zwei medialen Phänomenfeldern – Kino/TV sowie digitale Medien – wurden vor diesem Hintergrund Bildungs- und Reflexionspotenziale erörtert. In beiden Feldern zeigte Horst Niesyto unter Zurückweisung medienzentristischer Wirkungsmodelle auf, dass mediale Beschleunigungsphänomene mit kritischer Aufmerksamkeit, aber differenziert zu betrachten sind. So stellt er fest, dass zwar generell eine Transformation zur „episodischen Aufmerksamkeitserregungskultur“ nicht förderlich für einen distanziert-reflexiven Blick, etwa für bewusste Perspektivwechsel, sein kann. Jedoch sei der einseitige Blick auf explizit-verbale Formen von Reflexivität zugunsten eines diversitätsorientierten Verständnisses unterschiedlichen Formen und Kulturen von Reflexivität zu erweitern. So wird sichtbar, dass in medial veränderten Zeitverhältnissen auch neue Formen von Reflexivität entstehen können, die etwa mit kulturell wandelnden ästhetischen Aneignungsmustern oder mit neuen, kollaborativen Formen von Reflexivität in digitalen Räumen einhergehen. Diese aber seien jedoch oft voraussetzungsreich, insofern sie auf bereits vorhandenen Literacies aufbauen. Medien, und insbesondere digitale Medien, schaffen daher ein Feld der Wahlfreiheit, das digitale Ungleichheit zu verstärken droht. Aufgabe der Medienpädagogik sei es angesichts dessen, diese gegebenen Voraussetzungen stärker zu berücksichtigen, dabei die Diversität von Reflexionsformen anzuerkennen und zu beobachten, um schließlich auch Anschlüsse zu ermöglichen und zwischen unterschiedlichen Medienkulturen vermitteln zu können.

2) Der Vortrag von Manuel Zahn (Univ. Hamburg/Univ. Oldenburg) mit dem Titel „‚Memento‘ – zur Zeitlichkeit des Films und seiner Erfahrung“ thematisierte aus differenztheoretischer Perspektive die Frage, wie Zeit im Film als Medium gegenständlich werden kann. Unter Rekurs auf Heidegger, Derrida und Deleuze zeigte er auf, dass subjektive Selbstverhältnisse aus dieser Perspektive als nie gegenwärtig, sondern immer schon in mediale Zeitverhältnisse eingelagert betrachtet werden. Die Dichotomie von medialer Objektzeit und subjektiver Eigenzeit oder Bewusstseinszeit vs. Technozeit wird somit dekonstruiert, so dass der Blick auf eine konstitutive Verschränkung von Medialität und Zeit frei wird: der Sinn der ästhetischen Form, so argumentierte Zahn mit Martin Seel, sei die Zeit. Jede Gestaltung disponiere die Zeit der Betrachtung. In diesem Sinne geben Filme den Zuschauern Zeit; sie „laden zu einem besonderen Vollzug von Zeit ein“. Allerdings differenzierte der Vortrag an dieser Stelle kritisch: das Kino als Mannigfaltigkeit von Bewegtbildern ahme – insbesondere im Blockbuster-Kino – lediglich subjektzentrierte Wahrnehmungsformen nach, die es somit reproduziert und zur Norm erhebt. Dagegen setzt Zahn den Deleuze’schen Begriff der filmischen Zeitbilder. Zeitbildfilme zeigten eine Bewegung der Zeit, welche nicht der Wahrnehmungsordnung entsprechen, und verweisen somit auf ein komplexeres Zeitmodell, bei dem Zeiten ineinander und nebeneinander existieren. Dies temporale Pluralität einer sich prozessural differenzierenden Zeit explizierte Manuel Zahn schließlich anhand des Films „Memento“ und zeigte damit dessen immanente zeittheoretische Komplexität auf. […]“

Lesen Sie den vollständigen Bericht auf dem Weblog von Benjamin Joerissen!

Die aktuelle Ausgabe (8/10) von epd-Film Das Kino-Magazin enthält einen Schwerpunkt zum Thema »Film und Schule«.

Auf dem Magazin-Cover heißt es dazu »Herr Lehrer, wir wollen ins Kino! Ein Special über Filmbildung in der Schule«. In die beiden Aussagen lässt sich schon eine Differenz (oder gar ein Dissenz oder eine Inkommposibilität) deuten, die sich dann auch in den Textbeiträgen zum Schwerpunkktthema mitliest. Filmbildung im Kino und Filmbildung in der Schule bedeuten nicht dasselbe, stehen vielleicht sogar gegeneinander – auch wenn Positionen im deutschen medienpädagogischen Diskurs in Begriffen einer »schulischen Filmbildung« das Gegenteil behaupten.
Bei Ansätzen schulischer Filmvermittlung, die dieser medienpädagogischer Prämisse folgen, möchte man die Schülerinnen und Schüler tatsächlich in ihrem Wollen zum Kino (»Herr Lehrer, wir wollen ins Kino!«) als Flucht aus dem Klassenraum und eine Form des Widerstands bestärken.

Die Beiträge »Rein ins Kino« von Rudolf Worschech und »Gegenwelt. Film an der Schule – Muss das überhaupt sein? Ein Einspruch« von Barbara Schweizerhof lassen sich auf der zuvor skizzierten kritischen Fluchtlinie zwischen Kino und Schule lesen.

Winfried Pauleit beschreibt in seinem Beitrag »Die feinen Unterschiede« was die deutsche Medienpädagogik, insbesondere der Diskurs der Filmvermittlung im Spannungsfeld von Kino und Schule (man könnte aber auch noch das Museum, die DVD, das Fernsehen oder das Internet hinzunehmen), durch einen Blick nach Frankreich lernen kann. Der dort entwickelte – und insbesondere durch den Namen Alain Bergala und dessen Buch »Kino als Kunst. Filmvermittlung an der Schule und anderswo« in Deutschland bekannt gewordene – cinéphile Ansatz pädagogischer Filmvermittlung »wendet sich gegen eine ideologiekritische Pädagogik, die den Film unter die Massenmedien subsumiert“. Sie setzt dagegen auf eine Hinwendung zum Film als Kunst und »gutes Objekt«, an dem man sich beispielsweise im Kino (ästhetisch) bildet. Cinéphile Filmbildung ist daher folgerichtig auf Dimensionen subjektiver Film-Erfahrung wie „Beobachtung, Sensibilität“ und auf ein Verständnis des künstlerischen Schaffensprozesses vor dem Hintergrund der Filmgeschichte und des Politischen als ästhetische Form ausgerichtet.

Ein Gespräch zwischen Raimund Gertz und der Hanauer Lehrerin Gela von Detten beleuchtet unter dem Titel »Im Abseits der guten Absichten« die bisherigen Bemühungen schulischer Filmvermittlung an ihrer Schule und im Land Hessen.

Ein Beitrag von Stefan Reinecke, »Profession:Lehrer«, zu Bildern der Schule im Dokumentarfilm rundet das Schwerpunktthema ab und gibt interessante Einsichten in die bevorzugten filmischen Perspektiven auf Schule.

Prof. Karl-Josef Pazzini wird am Mittwoch, den 23. Juni 2010 in Rm 504 (VMP8) im Rahmen der Ringvorlesung »Filmische Inszenierungen des Lehrens und des Lehrers. Lehr-Performances“ seine Überlegungen zum Lehren am Beispiel von Laurent Cantents Film »Die Klasse« (Entre les murs, F 2008) vortragen.

Beachten Sie dazu bitte folgende Terminänderung: Der Vortrag beginnt ausnahmsweise schon um 18 Uhr!

Zum Vortrag: Nachdem Olaf Sanders zuletzt Cantents Film in eine historische Linie mit anderen französischen »Lehrer-Filmen«, wie Truffaults »Sie küßten und sie schlugen ihn« (Les quatre cents coups, F 1959) oder »Der Wolfsjunge« (L’enfant sauvage, F 1969), stellte und kritisch diskutierte, wird sich Karl-Josef Pazzini einem anderen Diskussionsstrang der laufenden Ringvorlesung zuwenden und mit ausgewählten Szenen des Films »Die Klasse« die besondere Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die beim und durch das Lehren entsteht, thematisieren.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

PS: Ich nutze die Gelegenheit, auf eine in Kürze erscheinende Publikation von Karl-Josef Pazzini hinzuweisen. Das Buch wird voraussichtlich im August diesen Jahres in der Reihe „Theorie bilden« des Transcript-Verlags erscheinen: Karl-Josef Pazzini, Marianne Schuller, Michael Wimmer (Hg.): Lehren bildet? Vom Rätsel unserer Lehranstalten. Bielefeld: Transcript 2010.

In der Ankündigung des Verlags heißt es: „Bildung, so wird behauptet, sei zu einer zentralen Ressource geworden, die besser gefördert werden müsse. Der tief greifende Umbau von Schule und Universität gehorcht diesem ökonomischen Imperativ und verkehrt die Bildungsinstitutionen in berufspragmatisch ausgerichtete Lernanstalten. Der Lehrer wird zum apparativ-instrumentellen Faktor – als »Coach«, »Moderator« oder »Lernarrangeur«.
Jedoch: Lehren und Lernen sind nicht auf den apparativ geregelten Austausch von Daten reduzierbar. Bildung ist auf Beziehungen zwischen Subjekten, auf Affekte, Wünsche und Erfahrungen angewiesen. »Lehren bildet?« nimmt dieses Geflecht in seiner Rätselhaftigkeit aus verschiedenen Perspektiven in den Blick, um der »Bildungsreform« kritisch und produktiv zu begegnen.“

Prof. Michael Wimmer wird morgen, Mittwoch, den 9. Juni 2010 um 19 Uhr in Rm 504 (VMP8) im Rahmen der Ringvorlesung »Filmische Inszenierungen des Lehrens und des Lehrers. Lehr-Performances“ zu den Phantasmen des Lehrens im Film »Club der toten Dichter« sprechen.

Sein Vortrag wird die bisher in der Ringvorlesung geführte Diskussion bezüglich der spannungsreichen und von Paradoxien durchsetzten Aufgabe des Lehrens aufnehmen und an Peter Weirs »Klassiker« unter den Lehrer-Filmen diskutieren.

Dabei wird er, so schreibt er zu seinem Vortrag, die These vertreten, „dass der Film »Club der toten Dichter« als eine Inszenierung des pädagogischen Traumes verstanden werden kann, der bis in die Antike zurück reicht: dass es nämlich möglich wäre, Anderen das Leben zu lehren. Zwar werden die kategorialen Grund-Risse und paradoxalen Spaltungen des Pädagogischen keineswegs verleugnet, wie z.B. die zwischen Qualifikationswissen und existentiellem Verstehen, Lernen und Bildung, gesellschaftlicher Brauchbarkeit und individuellem Glück, institutionellem Zwang und subjektiver Freiheit. Doch inszeniert der Film die Lösbarkeit dieser insbesondere in den Lehrern und ihrem Lehren sich manifestierenden widerstreitenden Probleme, allerdings nicht ohne Tragik. So fällt in der filmischen Wunscherfüllung des pädagogischen Traums der Erfolg zusammen mit einem desaströsen Scheitern, das aber ebenso ungewollt wie strukturell unvermeidlich zum Phantasma pädagogischen Gelingens gehört.“

Ich freue mich sehr auf den Vortrag und lade alle Interessierten herzlich ein, zu kommen und mit uns zu diskutieren.

Unter dem Titel »Blackboards« – Filmische Beobachtungen pädagogischer Praxis« veranstalten das Institut für Kunst Musik und ihre Vermittlung (IKMV) gemeinsam mit dem Institut für Bildungswissenschaft (IBIWI) der Universität Lüneburg Leuphana am 7. Juni eine Filmvorführung mit Gespräch im SCALA Programmkino.

Es wird der Film »Blackboards« der Iranerin Samira Makhmalbaf gezeigt, zu dem ich eine kurze Einführung geben und anschließend einen Vortrag mit Gespräch halten darf. Das Gespräch moderiert Nina Rippel.

Die Veranstaltung freut mich aus mehreren Gründen sehr: einmal ist Makhmalbafs Film äußerst sehenswert (ich hatte ihn auch schon zusammen mit Karl-Josef Pazzini in Hamburg gezeigt) und das Scala ein tolles Programm-Kino, in dem ich sehr gerne sprechen werde und zum anderen zieht die kontinuierliche Beschäftigung mit den filmischen Inszenierungen des Lehrens nun weitere Kreise und weckt auch das Interesse anderer an diesem Thema.

Nina Rippel Schreibt weiter zur Veranstaltung:

„Was bringt die beiden Fachrichtungen Kunstvermittlung und Bildungswissenschaften im Kino zu einer Filmvorführung eines iranischen Films zusammen?
Es ist eine Vermutung, die sich folgendermaßen formulieren lässt: Das, was im Kino zusammengebracht wird, ist eine am Film geschulte ästhetische Wahrnehmung mit einer Beobachtungspraxis von Lehr- und Lernsituationen, die jenseits der uns vertrauten kulturellen und institutionellen Rahmungen stattfindet. Diese Konstellation schärft den Blick auf Lehr-Lern- und Bildungsprozesse.
Makhmalbafs »Blackboards« ist eine filmpoetische Verdichtung, die verschiedene Fragen zum Lehren und Lernen, zum Wissen und seiner Weitergabe anspielt. Im Grenzland zwischen dem Irak und Iran begegnen sich drei Generationen: eine Gruppe alter Männer und Frauen, Lehrer und Kinder. Die Lehrer schleppen Schultafeln auf ihren Rücken durch die unwirtliche Berglandschaft. Warum? Vielleicht als Zeichen ihres Berufsstandes oder als Erinnerung an die Institution Schule?“

Alle Interessierten sind herzlich ins Kino eingeladen!

Die im Zusammenhang mit Fragen nach den Bedingungen individueller Bildung geführte Kontroverse zwischen Milieu- und Subjekttheoretikern ist alt und oft als unfruchtbar markiert worden. Trotzdem scheint die Diskussion immer wieder zu den Punkten der Trägheit des Milieus und der Frage der Veränderung biographischer Entwürfe zurückzukehren. Dafür gibt es auch in der Filmgeschichte vielfältige audio-visuelle Thematisierungen.

Der Vortrag von Winfried Marotzki wird anhand der Filme »Die Vergessenen« (Luis Buñuel, 1950) und »How green was my valley« (John Ford, 1941) zwei dieser audio-visuellen Thematisierungsmuster herausarbeiten. Er wird sich dabei am Beispiel der Institution Schule auf das Verhältnis von sozialer Reproduktion und biographischen Entwürfen konzentrieren.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!